Dankeswort

Professor Dr. Lucjan Jarczyk
Minerva Preisträgerk
Professor an der Jagellonischen Universitšt zu Krakau

Mit dem MinervaPreis ausgezeichnet zu werden, ist eine so hohe Ehrung, dass ich diesen mit großer Freude und Bewegtheit entgegen genommen habe. Wenn ich bedenke, dass mein unmittelbarer Vorgänger auf der Ehrenliste der Preisträger Herr Dr. Johannes Rau, früher Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und jetzt der amtierende Präsident der Bundesrepublik Deutschland ist, wächst meine Ergriffenheit noch mehr.

Ich habe die Laudatio, die Herr Dr. Wolfgang Clement, der amtierende Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, präsentiert hat, mit großer Aufmerksamkeit angehört. Ich freue mich, dass der Förderverein Kulturhaus Jülich unsere freundschaftlichen Jülich-Krakauer Beziehungen so hoch gewürdigt hat, dass unsere Arbeit am Forschungszentrum Jülich und insbesondere an COSY so hoch geschätzt wird. Diese Zusammenarbeit gab und gibt uns die Möglichkeit, aus dem alten historischen Krakau in das geschichtlich so bedeutende Jülicher Land kommen zu dürfen. Diese ehrwürdige römische Gründung JULIACUM begeistert mich immer wieder, insbesondere durch ihre beiden alten, wunderbar restaurierten Komplexe, die Brückenkopf-Anlage Napoleons und die Schlosskapelle, in der wir uns befinden. Die Schlosskapelle, dieses Bauwerk des Architekten Pasqualini, ist über 500 Jahre Zeuge der Zeit gewesen und wurde in der Renaissance erstellt; einer Zeit als in Europa die Wissenschaft eine erste große Chance bekam.

Nach den Wirren der Missverständnisse und erzwungenen Abgrenzungen zwischen unseren beiden Ländern haben wir auch die Chance benutzt, durch Wissenschaft zueinander zu finden. Und Jülich war der Ort wo das geschehen ist.

Danke Jülich.

Ich sehe die Verleihung des MinervaPreises an mich als Würdigung der Erfolge, die wir Physiker von der Jagellonischen Universität und dem Forschungszentrum Jülich in unserer gemeinsamen Arbeit in der Kultur der zwischenmenschlichen Beziehungen und auf dem Gebiet der Kern- und Teilchenphysik erzielt haben. Wir blicken mittlerweile auf 20 Jahre gemeinsamer Forschung zurück und dürfen es mit Genugtuung tun. Unsere Zusammenarbeit brachte Erfolge, deren wir uns nicht zu schämen brauchen. Die Jülich-Krakauer Forschungsgruppe genießt hohes Ansehen in der Welt. Dank des ausgezeichneten COSY Beschleunigers haben wir einen relevanten Beitrag zur Erforschung der Elementarteilchen und der Elementarkräfte geleistet.

In dieser Gemeinschaft der Physiker spielt die nationale Herkunft absolut keine Rolle. Und wie gut diese Gemeinschaft ist, kann an den verschiedenen Kollaborationen, die wir eingegangen sind, ermessen werden. Angesicht dieser Tatsachen kann nachvollzogen werden, mit welcher Berechtigung und Freude ich die Pluralform WIR benutze. Es ist eine gemeinsame Leistung, die nur in diesem Miteinander zustande gekommen ist. Dieser gemeinschaftliche Geist in unserem Team kommt nicht nur der Physik zugute, er wirkt weit über den Bereich der Wissenschaft hinaus. Von welch großer Bedeutung dies ist, kann nur ermessen werden, wenn man sie aus historischer Perspektive betrachtet.

Vor 60 Jahren brach der furchtbare Krieg aus, dem Polen als erstes Land zum Opfer fiel. Nach fünf Jahren war der Krieg zu Ende und die europäische Landschaft war in gleichem Maße verwüstet wie der europäische Geist. Es war Entsetzliches passiert. Kaum eine polnische Familie ging aus dem Krieg heil hervor. Die Jagellonische Universität wurde auch in grausamen Weise von den Wirren des Krieges erfasst. Im November 1939 wurden fast 180 Professoren und Dozenten in das KZ Lager Sachsenhausen verschleppt.

Der Krieg löste auch Umsiedlungsaktionen ungeahnten Ausmaßen aus. Millionen Polen mussten ihre Heimat im Osten für immer verlassen. Millionen Deutscher wurden westwärts getrieben. All das konnte den Hass zwischen den Menschen nur weiter anstauen lassen. Und dieser geistige Zustand wurde durch den Eisernen Vorhang für weitere 50 Jahre eingefroren. Die kommunistische Propaganda nutzte den Hass und die Ängste, um die bestehende Feindseligkeit zu schüren. Die ihrer Heimat beraubten polnischen Familien durften weiter einer ungewissen Zukunft entgegen harren wegen des Gespenstes der westlichen Bedrohung. Welch große Belastung die deutsch-polnische Nachbarschaft mit sich brachte, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich stamme aus einem Gebiet, wo die nationalen Gegensätze und Spannungen groß waren, ich komme aus Oberschlesien. Meine Heimat lag in jenem Teil Oberschlesiens, der nach dem Plebiszit mit dem seine Souveränität wieder erlangten Polen vereinigt wurde. Meine Eltern und andere Familienangehörige optierten für Polen, was ihnen während der deutschen Okkupation zum Verhängnis geworden ist.

Nach allem, was ich erlebt habe, war mir klar, dass die Mauern der gegenseitigen Feindseligkeit zum Einsturz gebracht werden müssen. Welch grausame Folgen eine jegliche, sei es nationale, religiöse oder weltanschauliche Intoleranz nach sich zieht, kann man leider noch heute nicht nur in Jugoslawien, im Nahen Osten, in Nordirland, in Spanien beobachten. Auch in unseren Ländern müssen wir solchen Umtrieben mit aller Entschlossenheit entgegentreten. Aus diesen Grunde war es mir klar, dass man alles tun muss, um den Hass abzubauen und vor allem die jungen Menschen vor der Ansteckung mit Hass zu bewahren.

Hier in der Stadt des Brückenkopfes kann aus eigener geschichtlicher Erfahrung heraus ermessen werden, wie Feindseligkeit durch ein neues Miteinander und gegenseitiges Begegnen zur Freundschaft werden kann und wird. Deshalb setzte ich mich von Anfang an sehr dafür ein, jungen Kollegen aus Krakau Aufenthalte in Deutschland zu ermöglichen. Nichts entschärft Vorurteile so nachhaltig wie unmittelbare Begegnungen. Wir haben deswegen in Krakau Arbeitstreffen und Konferenzen organisiert, um den deutschen Kollegen Anlass zu geben, nach Polen aufzubrechen, in jenes vielen gänzlich unbekanntes Land. Und wer von Ihnen dieses wunderbare Erlebnis der Begegnung mit Krakau nicht empfunden hat, ist herzlich eingeladen diesen Mangel zu beheben.

Und es ist gelungen.

Ich glaube, dass die fruchtbaren und herzlichen Kontakte zwischen uns Physikern und auch Nicht-Physikern aus Krakau und Jülich sind Tatsache. Wir sind Freunde, sehr gute Freunde geworden. Die Deutschen fühlen sich in Krakau wie zu Hause und die Polen kommen nach Jülich stets mit dem selben Gefühl.

Zu diesem Erfolg haben wir ältere Physiker wesentlich beigetragen. Von der Krakauer Seite waren es außer mir die Herren Strzalkowski und Budzanowski von der Jülicher Seite die Herren Schult, Speth, Meyer-Böricke, Turek, Hartmut Machner und vor allem Walter Oelert. Aber im Alleingang ohne die jungen Kollegen hätten wir es nicht geschafft. Ich muss noch die Namen der Herren Treusch, Wagner und auch Kilian erwähnen, die unsere Bestrebungen immer voll unterstützt haben.

Lassen Sie mich noch mal betonen:

Der MinervaPreis bedeutet für mich sehr viel. Ich empfinde es zugleich als Auszeichnung aller meiner Freunde und Kollegen aus Krakau und Jülich. Der Errungenschaften in der Physik und in der Gestaltung der zwischenmenschlichen Verhältnissen können wir als gemeinsamen Erfolg buchen. Im gewissen Sinne haben wir einen Beitrag geleistet zu dem, was mein werter vorheriger MinervaPreisträger Bundespräsident Dr. Rau in seiner Botschaft vom 3. Oktober 2000 an die Nachbarn und Freunde in Polen aus dem Anlass der 10-jährigen Einheit von Deutschland gesagt hat:

Heute leben die Polen und Deutsche in einem freien Europa, die Kontakte zwischen unseren Ländern sind so nahe wie noch nie.

Noch mal großen Dank, dziekuje bardzo.

Und kommen Sie nach Krakau. Wir freuen uns schon jetzt über Ihren Besuch bei uns und mit uns.